Bewegung und Soulfood tut mir gut. In der Natur sein tut mir gut. Rechtzeitig schlafen gehen tut mir gut. Meditation, Musik, Stille, Schreiben, Bewusstes Atmen, Zeit für mich. All das tut mir gut und läd meine Akkus wieder auf.
Ich weiß das alles.
Und trotzdem sitze ich manchmal abends auf dem Sofa, scrolle völlig sinnlos durch mein Handy und denke:
Du könntest jetzt auch einfach ins Bett gehen.
Und scrolle weiter.
Tja. So viel zum Thema Selbstfürsorge.
Am Wissen liegt es jedenfalls nicht
Ich beschäftige mich ja bereits seit Jahren mit Achtsamkeit und persönlicher Entwicklung. Nicht nur für mich selbst, sondern inzwischen auch in meiner Arbeit.
Ich gebe Achtsamkeitsimpulse weiter, begleite andere Menschen dabei, wieder mehr bei sich anzukommen, leite Meditationen und beschäftige mich ziemlich viel damit, wie wir uns selbst eigentlich wahrnehmen.
Und vieles davon lebe ich auch wirklich. Das ist mir an der Stelle echt wichtig, zu sagen.
Denn manchmal wird aus solchen Texten schnell diese Geschichte von: Ich weiß ja eigentlich alles, bekomme aber selbst nichts davon geschissen.
So ist es nicht.
Ich habe in den letzten Jahren unglaublich viel verändert.
Ich nehme mich heute viel bewusster wahr. Ich erkenne schneller, wenn ich eine Pause brauche. Ich kann mittlerweile besser unterscheiden, ob ich gerade wirklich etwas möchte oder nur glaube, es tun zu müssen. Ich bewege mich bewusster, gehe zum Krafttraining, achte mehr auf meine Ernährung und schaffe mir immer wieder kleine Inseln, in denen ich zur Ruhe komme.
Manches, was früher überhaupt keinen Platz in meinem Alltag hatte, gehört heute wie ganz selbstverständlich dazu. Dafür bin ich sehr dankbar.
Und trotzdem gibt es diese anderen Tage. An denen ich genau weiß, was mir guttun würde… Und es einfach nicht mache.
Manchmal will ich nämlich gar nicht das, was mir guttut
Das klingt ein bisschen paradox, ist aber vermutlich ziemlich menschlich.
Denn nur weil etwas gut für mich ist, heißt das noch lange nicht, dass ich in diesem Moment Lust darauf habe.
Nach einem langen Tag weiß ich vielleicht ganz genau, dass mir ein Spaziergang guttun würde. Was ich aber will? Nur noch aufs Sofa.
Ich weiß, dass mir ein paar Minuten bewusstes Atmen helfen könnten, wenn mein Kopf voll ist. Was mache ich stattdessen? Handy an.
Ich weiß, dass mein Körper Bewegung braucht. Und gleichzeitig kann der Weg zum Sport plötzlich ungefähr so attraktiv werden wie eine freiwillige Wurzelbehandlung.
Das Spannende daran finde ich:
Oft geht es gar nicht darum, dass ich mich gegen mich entscheide.
Ich entscheide mich nur für das, was sich jetzt gerade in diesem Moment leichter anfühlt.
Und vielleicht liegt genau da ein Unterschied, den ich lange nicht gesehen habe.
Das, was sich im Moment gut anfühlt, und das, was mir wirklich guttut, ist eben nicht immer dasselbe.
Selbstfürsorge ist leider nicht immer gemütlich
Ich glaube, ich hatte lange ein ziemlich hübsches Bild von Selbstfürsorge.
Kerze an. Tee. Decke. Meditation. Badewanne.
Und ja – all das kann Selbstfürsorge sein.
Manchmal ist Selbstfürsorge aber auch ziemlich unspektakulär.
– Den Laptop zuklappen. – Das Handy weglegen. – Mich aufraffen und bewegen. – Etwas Vernünftiges essen, obwohl ich gerade lieber irgendetwas anderes hätte. – Einen Termin absagen. – Oder einen Termin nicht absagen, weil ich genau weiß, dass ich mich danach besser fühlen werde. – Früher schlafen gehen. – Nicht „noch eben schnell“ fünf Dinge erledigen. – Und manchmal auch nur: meinen Hintern hochbekommen.
Das passt natürlich deutlich schlechter auf ein hübsches social media – Bild. 😄
Aber vielleicht habe ich gerade in den letzten Jahren verstanden, dass Selbstfürsorge nicht bedeutet, mir jederzeit das zu geben, worauf ich Lust habe.
Sondern immer öfter herauszufinden, was ich wirklich brauche.
Und zwischen diesen beiden Dingen können Welten liegen.
Und dann kommt dieser Anspruch dazu
Gerade weil ich mich mit Achtsamkeit beschäftige, kenne ich noch eine andere Seite.
Dieses leise Gefühl, ich müsste es doch eigentlich besser können.
Ich weiß doch, wie wichtig Pausen sind.
Ich weiß doch, wie sich Stress auf den Körper auswirkt.
Ich weiß doch, wie gut mir Bewegung tut.
Ich weiß doch, dass fünf Minuten bewusstes Atmen manchmal mehr verändern als eine halbe Stunde Grübeln.
Also warum mache ich es dann nicht einfach?
Vielleicht kennst du dieses Spiel auch.
Aus einem Tag, an dem du dich nicht besonders gut um dich gekümmert hast, wird plötzlich eine kleine Charakteranalyse.
Warum bekomme ich das nicht hin? Warum bin ich so undiszipliniert? Wieso falle ich immer wieder in dieselben Muster?
Und schwupps – ist aus Selbstfürsorge Selbstoptimierung geworden.
Auch darin bin ich heute aufmerksamer geworden.
Nicht jeder Abend auf dem Sofa ist ein Muster, das ich dringend auflösen muss.
Nicht jede Tafel Schokolade braucht eine tiefenpsychologische Erklärung.
Nicht jedes ausgelassene Training bedeutet, dass ich mich selbst sabotiere.
Manchmal habe ich einfach keine Lust.
Punkt.
Und ich finde, auch das darf sein.
Mein Körper ist dabei oft ehrlicher als mein Kopf
Was mir meine Achtsamkeitsarbeit allerdings wirklich gebracht hat:
Ich bemerke früher, wenn etwas kippt.
Mein Körper ist da meistens tatsächlich schneller als mein Verstand.
Ich werde unruhiger. Gereizter. Mein Kopf wird voller. Ich merke, dass mir alles ein bisschen zu viel wird. Dass ich mich nach Rückzug sehne oder dringend Bewegung brauche. … Mein ganz persönliches, stärkstes Signal ist da immer ein ganz großes Bedürfnis „3 Monate ins Kloster gehen zu wollen“ 😄
Früher habe ich solche Signale viel länger übergangen.
Heute höre ich sie meistens.
Das bedeutet nur leider noch nicht automatisch, dass ich ihnen auch immer direkt folge. 😅
Und genau das finde ich selbst irgendwie interessant.
Denn zwischen
„Ich merke, was ich brauche.“
und
„Ich gebe mir, was ich brauche.“
liegt noch einmal ein eigener Schritt.
Vielleicht sogar der schwierigere.
Wahrnehmen kann ich inzwischen ziemlich gut.
Danach zu handeln, wenn es gerade unbequem ist, wenn der Alltag dazwischenkommt oder wenn die kurzfristig angenehmere Alternative direkt neben mir liegt – daran übe ich noch.
Vielleicht brauche ich gar nicht mehr Disziplin
Lange habe ich an dieser Stelle oft gedacht:
Ich muss einfach konsequenter sein.
Mehr Disziplin. Bessere Routinen. Klarere Pläne.
Und ein bisschen davon hilft mir durchaus.
Aber inzwischen frage ich mich häufiger etwas anderes:
Wie kann ich es mir leichter machen, gut für mich zu sorgen?
Das fühlt sich völlig anders an.
Wenn ich mich mehr bewegen möchte, muss daraus nicht gleich ein perfekter Trainingsplan werden.
Wenn ich mehr Ruhe brauche, muss ich nicht jeden Morgen 30 Minuten meditieren.
Wenn ich weniger am Handy hängen möchte, muss ich nicht plötzlich zur digitalen Minimalistin werden.
Vielleicht reichen manchmal zehn Minuten draußen.
Ein Lied, bei dem ich mich bewege.
Drei bewusste Atemzüge.
Das Handy für eine Weile in ein anderes Zimmer legen.
Früher ins Bett gehen, ohne vorher noch irgendetwas „Sinnvolles“ getan zu haben.
Ich neige durchaus dazu, Dinge richtig und „perfekt“ machen zu wollen.
Und vielleicht liegt genau darin manchmal das Problem.
Denn zwischen perfekt und gar nicht gibt es verdammt viel Leben.
Es gibt Phasen – und das ist okay
Auch das musste ich erst lernen.
Ich bin nicht jeden Tag gleich.
Es gibt Zeiten, da fällt mir vieles leicht. Ich bin aktiv, gehe zum Sport, bin draußen, esse ausgewogen, habe Energie und denke:
Läuft bei mir.
Und dann gibt es Wochen, in denen plötzlich alles zäher ist.
Der Alltag ist voller. Emotional ist mehr los. Ich schlafe schlechter. Irgendetwas beschäftigt mich. Oder ich habe schlicht weniger Energie.
Früher habe ich darin schneller einen Rückschritt, ja sogar ein Versagen gesehen.
Heute versuche ich eher hinzuschauen:
Was ist gerade tatsächlich möglich?
Nicht als Ausrede.
Sondern als ehrliche Bestandsaufnahme.
Vielleicht brauche ich in einer vollen Woche nicht noch den Anspruch, alles genauso zu schaffen wie in einer ruhigeren.
Vielleicht ist Selbstfürsorge manchmal auch, meine Erwartungen an mich selbst herunterzuschrauben.
Das fällt mir übrigens nicht immer leichter als das eigentliche Tun.
Wissen allein verändert noch nichts
Ich glaube, das ist etwas, was mich die letzten Jahre ziemlich deutlich gelehrt haben.
Wir können unglaublich viel über uns wissen.
Wir können Bücher lesen, Podcasts hören, Seminare besuchen, meditieren, reflektieren und unsere Muster irgendwann rückwärts aufsagen.
Und trotzdem sitzen wir manchmal da und tun genau das, von dem wir wissen, dass es uns nicht guttut.
Das macht all das Wissen nicht wertlos.
Aber Wissen ist eben nur ein Teil davon.
Der andere Teil passiert mitten im Alltag.
An einem Dienstagabend, wenn ich müde bin.
An einem Morgen, an dem ich keine Lust habe, aufzustehen.
In dem Moment, in dem ich merke, dass ich schon wieder seit einer halben Stunde am Handy hänge.
Und dann habe ich eine Wahl.
Nicht die riesige, lebensverändernde Wahl.
Sondern vielleicht nur:
Noch zehn Minuten scrollen – oder das Handy jetzt weglegen?
Auf dem Sofa bleiben – oder einmal kurz raus?
Weiter funktionieren – oder fünf Minuten Pause?
Und manchmal entscheide ich mich für das, was mir guttut.
Manchmal auch nicht.
Ich glaube, der Unterschied zu früher ist vor allem:
Ich bekomme es heute mit.
Und ich mache mich dafür nicht mehr jedes Mal selbst fertig.
Denn vielleicht besteht ein achtsames Leben gar nicht darin, ständig die richtige Entscheidung zu treffen.
Vielleicht besteht es darin, immer wieder zu merken, wo ich gerade bin … und mir damit jedes Mal neu die Möglichkeit zu geben, mich für mich zu entscheiden.
Nicht perfekt.
Nicht jeden Tag.
Aber immer ein bisschen öfter.
Und ganz ehrlich?
Das reicht mir inzwischen als Fortschritt.
Im Einklang, Annabell
Und bei dir?
Vielleicht weißt du auch ziemlich genau, was dir eigentlich guttun würde – und machst manchmal trotzdem etwas völlig anderes?
Willkommen im Club. 🫂
Erzähl mir gerne in den Kommentaren, was dein persönlicher Klassiker ist. Nicht als Beichte und auch nicht, damit wir gemeinsam herausfinden, was wir noch alles optimieren könnten.
Sondern vielleicht einfach als kleine Erinnerung daran, dass wir alle Menschen sind, die manchmal ziemlich genau wissen, was ihnen guttut – und es trotzdem nicht tun.
Und dass wir vielleicht auch damit ein bisschen liebevoller sein dürfen.
Ich bin ziemlich sicher: Wir sind damit nicht allein.