Ich glaube, ich bin mittlerweile ziemlich gut darin geworden, mich selbst wahrzunehmen.
Nicht immer. Nicht perfekt. Aber deutlich besser als noch vor einigen Jahren.
Ich merke schneller, wenn mir etwas zu viel wird. Wenn ich Ruhe brauche. Wenn ich eigentlich Nein meine, obwohl ein Ja vielleicht einfacher wäre. Ich nehme wahr, wenn sich etwas in mir eng anfühlt oder wenn ich merke: Das möchte ich gerade eigentlich anders.
Das war nicht immer so.
Vieles davon ist über die Jahre gewachsen. Durch Erfahrungen, durch persönliche Entwicklung und ganz sicher auch durch meine Achtsamkeitsarbeit. Dieses immer wieder Innehalten. Hinspüren. Nicht sofort reagieren, sondern erst einmal wahrnehmen:
Was ist da eigentlich gerade in mir los? Und was brauche ich?
Das klingt so simpel.
Und manchmal ist es das inzwischen sogar.
Die eigentliche Herausforderung beginnt für mich heute oft erst danach.
Nämlich dann, wenn ich das, was ich wahrgenommen habe, auch ernst nehme.
Und ausspreche.

Mich selbst wahrzunehmen bedeutet nicht, dass es allen gefällt
Es gibt mittlerweile viele Situationen, in denen ich meine Bedürfnisse ziemlich klar benennen kann.
- Ich brauche heute Zeit für mich.
- Das fühlt sich für mich so nicht stimmig an.
- Das ist mir gerade zu viel.
- Ich wünsche mir das anders.
Und darauf bin ich tatsächlich ein bisschen stolz. Weil ich weiß, dass ich mich damit heute weniger schnell selbst verlasse als früher.
Nur habe ich irgendwann festgestellt:
Je besser ich darin werde, mich selbst ernst zu nehmen, desto öfter kann ich damit auch auf Widerstand stoßen.
Denn solange meine Bedürfnisse gut zu denen meines Gegenübers passen, ist alles wunderbar.
Schwierig wird es, wenn sie es nicht tun.
Wenn mein Nein bedeutet, dass jemand anderes auf etwas verzichten muss.
Wenn meine Zeit für mich bedeutet, dass jemand anderes gerne Zeit mit mir verbracht hätte.
Wenn meine Grenze eine Erwartung durchkreuzt.
Oder wenn ich etwas ausspreche, das mein Gegenüber lieber nicht hören möchte.
Dann ist Achtsamkeit plötzlich nicht mehr nur dieses schöne, ruhige „Bei-mir-Sein“.
Dann bedeutet sie manchmal auch, bei mir zu bleiben, während jemand anderes das gerade ziemlich doof findet.
Und das ist eine ganz andere Hausnummer.
„Es geht immer nur nach dir.“
Diesen Vorwurf kenne ich.
Und er trifft bei mir jedes Mal wieder einen empfindlichen Punkt.
Denn ich möchte kein Mensch sein, bei dem es immer nur nach mir geht.
Ich möchte Beziehung auf Augenhöhe. Ich möchte Kompromisse. Ich möchte wissen, was mein Gegenüber braucht. Ich möchte Rücksicht nehmen und genauso bereit sein, meine eigenen Vorstellungen auch mal hintenanzustellen.
Und trotzdem merke ich inzwischen einen Unterschied:
Rücksicht nehmen ist nicht dasselbe wie mich selbst übergehen.
Früher hätte ich vielleicht schneller gedacht:
Okay, dann mache ich es eben anders.
Nicht unbedingt, weil es sich für mich richtig angefühlt hätte. Sondern weil ich die Spannung nicht wollte. Die Enttäuschung. Den Konflikt. Dieses unangenehme Gefühl, möglicherweise gerade „schwierig“ oder „kompliziert“ zu sein.
Heute halte ich das öfter aus.
Nicht immer souverän. 😄
Manchmal beschäftigt mich eine Reaktion trotzdem. Manchmal hinterfrage ich mich. Manchmal kommt auch heute noch das schlechte Gewissen um die Ecke und fragt, ob ich nicht einfach hätte nachgeben können.
Aber ich rudere nicht mehr automatisch zurück.
Und das ist für mich ein ziemlich großer Unterschied.

Was aber, wenn nur einer sagt, was er braucht?
In solchen Situationen beschäftigt mich immer wieder eine Frage:
Kann es sein, dass meine Klarheit gerade dann besonders auf Widerstand stößt, wenn mein Gegenüber selbst Herausforderungen damit hat, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen oder auszusprechen?
Ich sage:
„Das brauche ich.“
Und damit liegt mein Bedürfnis sichtbar auf dem Tisch.
Wenn auf der anderen Seite aber nicht kommt:
„Und ich brauche das.“
…sondern vielleicht Anpassung, Schweigen oder die Erwartung, dass ich doch eigentlich merken müsste, was los ist, entsteht irgendwann ein Ungleichgewicht.
Von außen kann es dann tatsächlich so aussehen, als würde es ständig um meine Bedürfnisse gehen.
Nur: Vielleicht sind sie nicht wichtiger oder zahlreicher.
Vielleicht sind sie einfach ausgesprochen.
Dieser Gedanke hat für mich einiges verändert.
Nicht, weil ich damit jede Kritik an mir wegwischen möchte.
Natürlich kann auch ich egoistisch sein. Natürlich kann ich mich verrennen. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich so sehr mit meinem eigenen Erleben beschäftigt bin, dass ich das meines Gegenübers nicht ausreichend sehe.
Achtsamkeit bedeutet für mich eben auch, da hinzuschauen.
Mich zu fragen:
- War das gerade wirklich eine Grenze?
- Oder wollte ich einfach meinen Willen durchsetzen?
- Habe ich dem anderen überhaupt Raum gelassen?
- Bin ich noch offen für seine Seite?
Diese Fragen finde ich wichtig.
Aber genauso wichtig finde ich inzwischen eine andere:
Hat mein Gegenüber seine Seite überhaupt ausgesprochen?
Denn ich kann zuhören.
Ich kann versuchen zu verstehen.
Ich kann Kompromisse eingehen.
Aber ich kann nicht dauerhaft Bedürfnisse erfüllen, von denen ich nichts weiß.

Zwei Menschen dürfen Unterschiedliches brauchen
Vielleicht ist genau das etwas, das ich heute besser kann als früher:
Widersprüche stehen lassen.
Ich brauche Ruhe – du möchtest Nähe.
Ich brauche einen Tag für mich – du hättest ihn gerne mit mir verbracht.
Ich möchte etwas nicht – du hättest es dir gewünscht.
Und keiner von uns muss deshalb falsch sein.
Das ist für mich inzwischen ein ganz wichtiger Teil meiner Achtsamkeitsarbeit geworden.
Nicht sofort in richtig oder falsch zu denken.
Nicht aus der Enttäuschung eines anderen automatisch abzuleiten, dass ich etwas falsch gemacht habe.
Aber auch nicht aus meinem Bedürfnis abzuleiten, dass der andere es gefälligst verstehen muss.
Vielleicht darf beides da sein.
Meine Grenze und deine Enttäuschung.
Ich kann sehen, dass dich mein Nein verletzt oder enttäuscht.
Ich kann das ernst nehmen.
Ich kann mit dir darüber sprechen.
Und mein Nein darf trotzdem ein Nein bleiben.
Das klingt beim Schreiben so herrlich erwachsen und aufgeräumt.
Im echten Leben fühlt es sich manchmal deutlich weniger aufgeräumt an. 😄
Grenzen sind für mich heute etwas anderes
Früher klang „Grenzen setzen“ für mich schnell nach Abgrenzung.
„Bis hierhin und nicht weiter.“
Heute empfinde ich es anders.
Eine Grenze muss keine Mauer sein.
Sie kann auch eine Information sein:
Hier stehe ich gerade. Wo stehst du?
Das gefällt mir viel besser.
Denn ich möchte nicht lernen, meine Bedürfnisse über die anderer Menschen zu stellen.
Ich möchte lernen, sie danebenzustellen.
Gleichwertig.
Und ich glaube, darin bin ich in den vergangenen Jahren wirklich ein gutes Stück weitergekommen.
Ich spüre mich besser.
Ich traue mich häufiger, ehrlich zu sein.
Ich erkenne schneller, wenn ich gerade dabei bin, mich anzupassen, obwohl sich in mir eigentlich alles dagegen sträubt.
Und manchmal schaffe ich es inzwischen sogar, einen Moment innezuhalten, bevor ich aus einem alten Muster heraus reagiere.
Das ist viel.
Und gleichzeitig merke ich: Persönliche Entwicklung hört nicht an dem Punkt auf, an dem ich meine Bedürfnisse endlich kenne.
Vielleicht beginnt genau dort die nächste Ebene:
Sie in Beziehung zu bringen.
Nicht nur bei mir zu bleiben.
Nicht nur beim anderen zu sein.
Sondern auszuhalten, dass da zwei Menschen sind, die manchmal etwas völlig Unterschiedliches brauchen.
Und manchmal fühlt sich das trotzdem echt beschissen an
Ich wäre gerne an dem Punkt, an dem ich nach einem klaren Nein völlig beseelt meinen Tee trinke und denke:
Wow. Wie schön ich heute wieder meine Grenze gewahrt habe.
Bin ich nicht. 😄
Manchmal nagt es an mir.
Manchmal frage ich mich noch Stunden später, ob ich jemanden enttäuscht habe.
Manchmal würde der harmoniebedürftige Teil in mir am liebsten zurückgehen, alles glattziehen und sagen:
Ach komm, machen wir es einfach so, wie du möchtest.
Nur merke ich inzwischen schneller, was ich da gerade tue.
Und vielleicht ist genau das der Unterschied.
Achtsamkeit hat nicht dafür gesorgt, dass ich keine alten Muster mehr habe.
Sie hilft mir, sie früher zu bemerken.
Und dadurch bekomme ich überhaupt erst die Möglichkeit, mich anders zu entscheiden.
Nicht immer.
Aber immer öfter.
Vielleicht ist Grenzen setzen deshalb für mich heute auch gar nicht mehr dieses kraftvolle „Nein!“, als das es gerne dargestellt wird.
- Manchmal ist es ganz leise.
- Ein kurzes Innehalten.
- Ein ehrliches Hinspüren.
- Und dann der Mut, das Wahrgenommene nicht sofort wieder kleinzureden, nur weil jemand anderes davon enttäuscht sein könnte.
Ich möchte keine Beziehungen, in denen immer alles nach mir geht.
Aber ich möchte genauso wenig Beziehungen, in denen Harmonie nur deshalb funktioniert, weil einer von uns seine Bedürfnisse herunterschluckt.
Ich wünsche mir ein Miteinander, in dem wir beide sagen dürfen:
Das bin ich. Das brauche ich. Was brauchst du?
Und dann schauen wir gemeinsam, was wir daraus machen.
Vielleicht ist genau das für mich inzwischen eine der wahrhaftigsten Formen von Verbindung:
Mich selbst nicht verlassen zu müssen, um einem anderen nah sein zu können.

Im Einklang,
Annabell
Ein kleiner Moment für dich

Vielleicht gibt es gerade eine Situation in deinem Leben, in der du merkst, dass etwas in dir eigentlich Nein sagt oder sich etwas anderes wünscht, als du gerade nach außen lebst.
Nimm dir einen Moment. Atme einmal bewusst ein und aus und frage dich:
Was brauche ich gerade wirklich?
Nicht: Was wäre vernünftig?
Nicht: Was wird von mir erwartet?
Nicht: Womit wären alle anderen zufrieden?
Sondern nur:
Was brauche ich?
Spüre einen Moment hin, ohne direkt nach einer Lösung zu suchen. Vielleicht bemerkst du dabei auch, wo dein Körper längst eine Antwort gibt – durch Enge, Unruhe, Anspannung oder dieses ganz klare innere Nein.
Und dann frage dich:
Kann ich das aussprechen, ohne es zu rechtfertigen oder kleiner zu machen?
Vielleicht reicht fürs Erste schon ein einfacher Satz:
„Ich merke gerade, dass ich … brauche.“
Was dein Gegenüber braucht, darfst du anschließend erfragen – nicht erraten.
Und vielleicht entsteht genau dort etwas Neues:
Nicht einer passt sich an den anderen an. Sondern beide bekommen die Möglichkeit, ehrlich zu sagen, was in ihnen los ist.
Zwei Bedürfnisse. Zwei Menschen. Und dann die gemeinsame Frage: Wie gehen wir damit um?

Und wie ist das bei dir?
Fällt es dir leicht, deine Grenzen wahrzunehmen und auszusprechen? Oder wird es besonders schwierig, sobald du merkst, dass jemand von deinem Nein enttäuscht ist?
Vielleicht kennst du auch diesen Vorwurf: „Es geht immer nur nach dir.“
Wenn du magst, erzähl mir in den Kommentaren, wie du damit umgehst. Mich interessiert dabei besonders das echte Leben. Nicht die Version, in der wir unsere Grenzen immer souverän, ruhig und mit einem tiefen Atemzug kommunizieren. 😄
Wie gelingt es dir, bei dir zu bleiben, ohne den anderen aus dem Blick zu verlieren?
Bildmaterial: KI-generierte Symbolbilder